Nur Deutschland ist eine Turniermannschaft?

TL;DR: Portugal, Deutschland und Italien sind in Europa echte “Turniermannschaften”; in Südamerika sind es Peru und Uruguay. Grundsätzlich ist es ziemlich schwierig zu bestimmen, was genau eine “Turniermannschaft” ist.

Mein letzter Beitrag hat sofort folgenden Kommentar auf Facebook nach sich gezogen: “Wie wird der Faktor “Turniermannschaft” gewertet? Schwer, gell….nur Deutschland ist eine Turniermannschaft und ich denke wir kommen ins Finale.”

Mein erster Gedanke als geborener Skeptiker bei solchen Aussagen ist immer “Wahrscheinlich Blödsinn”, mein zweiter Gedanke “Hmm, wie kriege ich raus, ob das stimmt?”. Der dritte Gedanke ist dann immer ärgerlicherweise “Shit, gar nicht so einfach.”

Egal, einen Versuch ist es wert! Erst mal klären, was eine “Turniermannschaft” ist. Für mich ist eine Turniermannschaft eine Mannschaft, die im Turnier weiter kommt als erwartet (und im Laufe des Turniers besser wird, aber das ignorieren wir mal für den Moment). Jetzt wird es schwierig: Wie quantifiziere ich das, also wie mache ich das messbar? Ich brauche ein Maß für das erwartete Turnier-Ergebnis und das tatsächliche Turnier-Ergebnis und muss die beiden dann irgendwie vergleichen.

Schritt 1: Erwartetes Turnierergebnis

Im letzten Beitrag habe ich 3 Möglichkeiten beschrieben, wie Nationalmannschaften bewertet werden können. Da ich die historischen Bewertungen brauche (jeweils kurz vor einem großen Turnier), fallen Wettquoten und Elo-Ranking raus, die Daten habe ich nicht. Wenn jemand eine Idee hat, wie ich an diese Daten komme: Her damit! Die FIFA-Weltrangliste gibt Daten seit 1993 (fast monatlich), die kann ich also nutzen. Das gibt mir erst mal den Rang jeder Mannschaft vor Turnierbeginn. Daraus kann ich das erwartete Ergebnis im Turnier bestimmen – also Sieger, 2. Platz, Halbfinale, usw. Jede Mannschaft bekommt dann einen “erwarteten Rang”, mit gleichem Rang für alle, die in der selben Runde (also bspw. Viertelfinale) rausgeflogen sind.

Ein Beispiel: Vor der WM 2002 (im Mai 2002, um genau zu sein) war Deutschland 11. der FIFA-Weltrangliste. Unter den WM-Teilnehmern waren sie die 8. best Mannschaft (d.h. es haben sich einige mit besserem Rang nicht qualifiziert).  Ihr erwartetes Ergebnis war also (so gerade) Viertelfinale, ihr erwarteter Rang also 6,5 (alle im Viertelfinale rausgeflogenen kriegen den selben Rang, 6,5).

Schritt 2: Tatsächliches Turnierergebnis

Das geht schneller: Sobald ein Platz tatsächlich ausgespielt wird, ist das der erzielte Rang (1. und 2. immer, 3. und 4. bei Weltmeisterschaft und Copa America). Sonst der Durchschnitt der Ränge, also im Viertelfinale 6,5 (Rang 5, 6, 7, und 8) oder im Achtelfinale 12,5 (Rang 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16) usw. Fliegt eine Mannschaft also im Achtelfinale raus, ist ihr tatsächliches Turnierergebnis “Rang 12,5”. Im Beispiel Deutschland 2002 ist das also Rang 2 (Finale gg. Brasilien verloren).

Schritt 3: Berechnung der Abweichung

Bevor ich zu den Ergebnissen komme, erst noch ein Wort zur Datenbasis: Ich habe das Ganze für alle Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, und Copa Americas seit 1994 gemacht. Insgesamt also 19 Turniere mit allen Mannschaften, die an mindestens einem dieser Turniere teilgenommen haben.

Jetzt die Berechnung der Abweichung: Meine erste Idee war, einfach die Rang-Differenz zu nehmen (also tatsächlicher minus erwarteter Rang). Das ist aber problematisch, da die Abweichung nach oben und unten begrenzt ist. Ein konsistent gute eingestuftes Team (wie Brasilien) kann also nie so stark nach oben abweichen wie ein konsistent schlecht eingestuftes Team. Deswegen zähle ich einfach, wie oft eine Mannschaft besser oder schlechter als erwartet war (als Anteil aller Teilnahmen). Hier das Ergebnis für die europäischen Mannchaften, die im untersuchten Zeitraum an mindestens 8 Turnieren (WM und EM) teilgenommen haben:

ergebnis EUR

Portugal ist also die Turniermannschaft in Europa seit 1993. In dem Zeitraum haben sie 9 Turniere gespielt (WM 2002, 2006, 2010, 2014 und EM 1996, 2000, 2004, 2008, 2012) und waren 5 mal (also 56% aller Teilnahmen) besser als erwartet. Deutschland folgt zusammen mit Italien, beide Mannschaften haben alle 11 Turniere im Zeitraum gespielt und waren 5 mal (45%) besser als erwartet. Wenig überraschend sind England und Spanien (trotz der 3 Turniergewinne) definitv keine Turniermannschaften…

In Südamerika sieht das Ganze eher überraschend aus:

Ergebnis SA

Peru war in 7 seiner 8 Teilnahmen (alle Copa Americas seit 1995) besser als erwartet! Brasilien und Argentinien sind natürlich immer (gerade bei den Copas) Top-Favoriten, deswegen ist es für sie schwierig, die Erwartungen zu übertreffen, trotzdem ganz schöne enttäuschend.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu den Schwächen der Methode hier:

  1. Die Datenbasis (seit 1993) ist relativ dünn. Ich wäre gerne noch ein paar Jahre zurück gegangen.
  2. Die FIFA-Weltrangliste ist nicht die ideale Größe, um Mannschaftsstärke (und damit erwartetes Ergebis) zu messen. Elo oder Wettquote wären besser, habe ich aber (also die historischen Daten) nicht zur Verfügung.
  3. Die Abweichung ohne Abstufung (also nur besser als erwartet, schlechter als erwartet oder gleich) ignoriert, wie viel besser oder schlechter eine Mannschaft war. 4. anstelle von 3. werden ist also genauso “schlecht” wie als Titelverteidiger in der Vorrunde rausfliegen (hallo Spanien!)
  4. Wenn man sich gar nicht erst für ein Turnier qualifiziert, zählt das weder positiv noch negativ. Macht einerseits Sinn (soll ja um Turniermannschaften gehen), ist andererseits natürlich nett zu an sich starken Mannschaften, die ab und zu in der Quali versagen (hallo Holland!).

Trotzdem ist es super spannend zu sehen, wie liebgewonnene Klischees bestätigt oder eben nicht bestätigt werden, wenn man sich die Daten anschaut. Was meint ihr? Ist Deutschland wirklich die einzige Turniermannschaft?

One Thought on “Deutschland eine Turniermannschaft? Oder: Fußball-Weisheiten auf dem Prüfstand.

  1. Pingback: Does England always fail at big tournaments? Or: 30 - eh, 50 - years of hurt. - Rational Soccer

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