TL;DR: Es ist ein Skandal, dass Gehirnerschütterungen im Fußball nicht ernst genommen werden. Die langfristigen Gesundheitsschäden sind potenziell enorm, gerade auch für Kinder und Jugendliche im Breitensport.

Im Europa League Viertelfinale Schalke – Ajax letzte Woche hat sich Leon Goretzka kurz vor der Halbzeit bei einem Zusammenprall mit dem Ajax-Keeper eine Gehirnerschütterung zugezogen. So weit so schlecht. Problematisch in meinen Augen ist, dass er nach der Halbzeit weitergespielt (und ein Tor geschossen) hat und dann erst in der 83. Minute – nachdem er sich auf dem Platz übergeben hat – ausgewechselt wurde. Skandalös ist dann, dass er dafür in der Presse gefeiert wird: “Goretzka zeigte weiterhin unbändigen Willen, doch in der 83. Minute musste er dann völlig entkräftet ausgewechselt werden.”

Warum ist das ein Skandal? War doch nicht mal was gebrochen! Der Kaiser hat damals mit gebrochenem Arm in der Schlinge gespielt! Schaut man mal ein bisschen über der engen Fußball-Horizont hinaus, wird das Problem schnell klar: In den letzten Jahren ist die NFL (Die American Football Liga der USA) von einem “Concussion Scandal” heimgesucht worden: Kurz gesagt führen (wiederholte) Gehirnerschütterungen zu einer Krankheit namens “CTE”, die nach der Spielerkarriere zu Selbstmorden, Erinnerungsverlust, Demenz, Depression, und anderen Problemen führt. Das ganze ist genauso dramatisch wie es sich anhört, ein Riesen-Problem für den ganzen Sport und große Anstrengungen wurden und werden unternommen, um damit umzugehen (Naja, erst wurde vertuscht, dann geleugnet, jetzt verharmlost. Ein bisschen wie bei Zigaretten. Aber wenn ein Hollywood-Film mit Will Smith sich des Themas annimmt, muss selbst die NFL irgendwann reagieren). Wer sich für die Details interessiert, wird schnell online fündig, siehe hier oder bei der sehr interessanten Doku “League of Denial”.

Was heißt das jetzt also? In der NFL gibt es ein ausführliches “Concussion Protocol”, also ein vorgeschriebener Prozess, wie mit (potenziellen) Gehirnerschütterungen umgegangen werden muss. Ich zitiere einfach mal den Teil, wo eine Gehirnerschütterung im Spiel / Training schon aufgetreten ist (oder der Verdacht besteht):

“In-game evaluation

If a player shows to have a concussion or concussion symptoms, it is mandatory that the individual be removed from the game. If the player is diagnosed with a concussion, they are prohibited from re-entering the game or practice that day. According to the league’s protocol, signs of a concussion include: loss of consciousness, lack of balance, holding head after contact, absentmindedness, lethargy, confusion or a visible facial injury in combination with any of the other factors. If the medical staff rule the player clear from a concussion, then the video of that hit must be reviewed before the player can re-enter the game or practice.”

Ein Spieler mit Gehirnerschütterung darf also an diesem Tag auf keinen Fall noch trainieren oder gar spielen. Keine Diskussion. Jetzt die Vorschriften zur Nachsorge:

“Post-game

After a concussion has occurred, the player must be monitored and examined on a daily basis in a training room by the team medical staff until fully cleared from concussion. Along with the continuous examination prior to a concussion, the player must meet standards that are in place by the league in order to return a game or contact practice. The player may not return to football activities until he has returned to his baseline cognitive function. Next, the player must go through a graduated exercise challenge, followed by a gradual return to practice and play. If player is feeling any setback or post- concussion symptoms, evaluation then starts from the beginning. Finally, the team doctor and an unaffiliated neurotrauma consultant must both clear him for return to play.”

Der Spieler muss also täglich untersucht werden und erst nach und nach wieder an Belastung gewöhnt werden. Sobald neue Symptome auftreten, geht der Prozess von vorne los. Erst wenn er von einem Teamarzt und (!) einem unabhängigen Experten spielfähig erklärt wird, darf er zurück aufs Feld. Auch in der NBA gibt es ähnlich strenge Vorschriften, auch wenn im Basketball natürlich weniger körperbetont gespielt wird als im Football. Trotzdem wird die Gesundheitsgefahr erkannt und konsequent gegengesteuert, siehe hier für ein paar Beispiele aus der NBA.

Die ganze Problematik ist natürlich auch im Fußball angekommen, wird aber – wenigstens von offizieller Seite in Deutschland – überhaupt nicht ernst genommen. Von Spieler-Seite gibt es vorsichtige Anmerkungen, bspw. von Taylor Twellmann, der selbst seine Karriere wegen  Gehirnerschütterungen beenden musste und in einem Interview vor den Folgen warnt. Auch in der deutschen Presse wurde das Thema mal kurz aufgegriffen, als Christoph Kramer im WM-Finale eine Gehirnerschütterung erlitt und nicht mehr wusste, in welchem Spiel er genau ist. (Was haben wir gelacht.) Beim DFB habe ich überhaupt Nichts zur Thematik gefunden (siehe hier). Die FifPRO (die internationale Spielergewerkschaft) weist auf das “Zürich Protokoll 2012” hin, das generelle Regeln für den Umgang mit Gehirnerschütterungen im Sport aufstellt und auch für den Fußball gelten soll. Die englische Premier League hat inzwischen (Saison 2014/15) auch neue Regeln zum Umgang mit Kopfverletzungen erlassen, die bspw. auch einen dritten Arzt (zusätzlich zu den beiden Mannschaftsärzten) am Spielfeldrand verlangt.

Schaut man sich den Stand der Forschung und die Reaktionen in anderen Sportarten auf die Problematik an, finde ich es unglaublich, dass das Thema nicht mehr im (deutschen) Fußball diskutiert und angegangen wird. Das Erkennen und der richtige Umgang mit Gehirnerschütterungen sind nicht sonderlich kompliziert und können buchstäblich Leben retten. Der Zyniker in mir denkt sofort daran, dass auch Kopfbälle im Verdacht stehen, schädlich zu sein und das dann natürlich ein echtes Problem für den Sport an sich (und das Geschäft mit dem Sport) darstellen würde.

 

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